"Gibt es Pflaster für die Seele?" von Dagmar Geisler

Ein Neuzugang in unserer Bibliothek

Gibt es Pflaster für die Seele? von Dagmar Geisler

Wenn ein Elternteil psychisch erkrankt, verändert das häufig das Leben der ganzen Familie. Oft gerät dabei aber eine Gruppe aus dem Blick, die sehr genau und sehr früh spürt, wenn etwas in ihrem Umfeld nicht stimmt: Kinder. Wenn Mama kaum noch aus dem Bett kommt, wenn Papa sich zurückzieht oder plötzlich eine Schwere in der Luft liegt, für die niemand zu Hause Worte findet, merken das Kinder schnell – und es verunsichert sie. Allerdings fehlt ihnen für diese Veränderungen meist eine Erklärung. Bleibt diese aus, suchen sie die Antwort nicht selten bei sich selbst: Habe ich etwas falsch gemacht? Sind Papa und Mama wegen mir traurig? Muss ich mich ändern, damit es zu Hause wieder wie früher wird?

Dagmar Geislers Gibt es Pflaster für die Seele? setzt genau bei dieser Unsicherheit an. Was das Buch dabei besonders macht: Es erklärt psychische Erkrankungen nicht aus einer rein medizinischen Distanz heraus, sondern aus der kindlichen Perspektive. Es zeigt, wie sich seelische Erkrankungen äußern können, warum es wichtig ist, darüber zu sprechen, und weshalb Kinder weder Schuld noch Verantwortung für die Krankheit eines Erwachsenen tragen.

Die Autorin und Illustratorin Dagmar Geisler (*1958 in Siegen) arbeitet seit rund 25 Jahren an Büchern und Medien für Kinder und Jugendliche. Oft behandelt sie dabei Themen, die in Gesellschaft und Familien teils noch tabuisiert werden: wie Trauer, Gefühle, Grenzen oder Missbrauchsprävention. Mit einfachen, aber nicht vereinfachenden Erklärungen sowie einfühlsamen Bildern macht Geisler damit Themen für Kinder zugänglich, über die viele Erwachsene selbst nur schwer sprechen können.

Auch ein solch komplexes Thema wie psychische Erkrankungen gehört dazu – und es in einem Kinderbuch zu behandeln, kann unter Umständen heikel sein. Geisler löst den Einstieg jedoch elegant, indem sie nicht etwa mit Fachbegriffen oder Diagnosen beginnt, sondern über den Begriff der „Seele“ einen Zugang findet. Zunächst unterscheidet sie zwischen dem, was von außen sichtbar ist, und dem, was im Inneren eines Menschen geschieht. Körper und Kleidung sieht man, innere Organe lassen sich medizinisch untersuchen. Die Seele aber bleibt unsichtbar: „Die Seele ist das, was du denkst und was du in deinem Inneren fühlst und empfindest.“ So gehören Gefühle, Gedanken, Ängste oder Wünsche genauso zu einem Menschen – selbst dann, wenn man sie von außen nicht sofort erkennen kann.

Von dort aus führt die Autorin Kinder und Erwachsene zu den psychischen Erkrankungen. In einfacher Sprache erklärt sie, dass auch die Seele krank werden kann und dass dafür andere Formen von Hilfe nötig sind als bei einer Wunde oder einem gebrochenen Arm. Anhand von Beispielen zeigt sie weiter, welche Formen von psychischen Erkrankungen es gibt: was ADHS bedeutet, wie sich Magersucht äußert oder wie eine posttraumatische Belastungsstörung entstehen kann. Im Mittelpunkt des Buches steht jedoch die Depression – erzählt am Beispiel eines Vaters, von dessen zunehmender Veränderung seine ganze Familie betroffen ist.

In der Geschichte des Vaters entfaltet das Buch nun seine große Stärke. Zunächst entstehen in der Familie Unverständnis, Sorgen und Ärger über ihn, weil er sich zunehmend zurückzieht und die Freude am Leben verliert. Erst der Besuch bei einer Psychologin macht sichtbar, dass er krank ist und an einer Depression leidet. Besonders gelungen finde ich, dass die Autorin in diesem Kontext die Fragen und Unsicherheiten der Kinder ernst nimmt. So zeigt sie, dass diese die Veränderung des Vaters nicht nur wahrnehmen, sondern sich schnell dafür verantwortlich fühlen: „Bin ich schuld, dass Papa krank geworden ist?“ Hier wird deutlich, wie wichtig es ist, Kinder in solchen Situationen nicht allein zu lassen. Sie brauchen Erklärungen, die sie verstehen können: Dass zum Beispiel niemand für eine solche Erkrankung verantwortlich ist – vor allem sie nicht, aber ebenso wenig die Betroffenen selbst. Dass es Mittel und Wege gibt, zu helfen, aber auch Grenzen. Oder dass man trotz aller Rücksichtnahme und Unterstützung auch auf sich selbst achten darf.

Damit leistet das Buch mehr als reine Wissensvermittlung. Es schafft – wie von der Autorin im Vorwort selbst betont – ein Gesprächsangebot zu einem schwierigen, teils noch immer tabuisierten Thema – sowohl für Familien als auch für pädagogische Fachkräfte und Beratende. Es entlastet Kinder und erleichtert ihnen den Umgang mit psychisch erkrankten Angehörigen. Gleichzeitig hilft es Erwachsenen, für vermeintlich unaussprechliche Dinge wie Depression eine kindgerechte Sprache zu finden.

Kritisch sehe ich hingegen die etwas glatte Darstellung der Behandlungsmöglichkeiten. Im Falle des Vaters wird etwa ein recht geradliniger Genesungsweg erzählt: Diagnose, Klinik, Remission. Für ein Kinderbuch ist diese Vereinfachung nachvollziehbar, bildet die Komplexität psychischer Erkrankungen aber nur begrenzt ab. Etwas verkürzt wirkt außerdem, dass Hilfe für die „Seele“ vor allem mit Psychologinnen und Psychologen verbunden wird; psychische Erkrankungen werden jedoch häufig multiprofessionell behandelt. Aus diesen Gründen sollte das Buch nicht als abschließende Erklärung verstanden werden, sondern vielmehr als Ausgangspunkt für weitere Gespräche.

Insgesamt ist Gibt es Pflaster für die Seele? sehr zu empfehlen. Dagmar Geislers Kinderbuch ist liebevoll gestaltet, arbeitet mit zahlreichen Illustrationen und gibt Erwachsenen wie Kindern ein Werkzeug in die Hand, um sowohl über psychische Erkrankungen als auch seelisches Wohlbefinden ins Gespräch zu kommen. Mich als Germanisten haben besonders die vielen Rückgriffe auf Metaphern zur Erläuterung seelischer Zustände beeindruckt. Das zeigt sich nicht zuletzt am Beispiel des Herzens: Man sieht es nicht, aber jeder weiß, dass es da ist und dass wir es zum Leben brauchen. Ähnlich selbstverständlich sollte auch über das seelische Erleben gesprochen werden.

 

Das Buch Gibt es Pflaster für die Seele? kann in unserer Bibliothek ausgeliehen werden.

André Sömisch

 

Das Leipziger Bündnis gegen Depression e.V. dankt …

… dem Verband der gesetzlichen Krankenkassen und dem Verband der Ersatzkassen im Freistaat Sachsen, sowie …