Titelbild Interview 2

Christine Reuter arbeitet als Peer-Beraterin* und hat selbst viele Krankheits- und Krisenzeiten durchlebt. Ich kenne sie seit vier Jahren als Kollegin im Ehrenamt beim Leipziger Bündnis. Fünf Fragen, ein Blumenstrauß voller Bewältigungsstrategien und Soljanka gibt es in Interview 2 unserer Reihe.

Du hast viele Krankheits- und Krisenzeiten erlebt und immer wieder neue Puzzleteile für deine seelische Gesundheit gefunden. Wie erlebst du persönlich die Corona-Zeit?

Ich komme bisher ziemlich unbeschadet durch diese ganze Geschichte. Die depressive Symptomatik habe ich im Moment gut im Griff. Es gibt immer mal ein paar Hängerchen, aber mit den Tools aus meinem Werkzeugkoffer funktioniert es ganz gut.
Natürlich spielen da auch meine persönlichen Umstände eine Rolle: Ich profitiere davon, Zuhause kein großes Paket wie manch andere zu haben mit Verpflichtungen als Partnerin und Mutter, mit Hausarbeit und Homeoffice. Das heißt, ich kann mich ganz gut einfach nur um mich kümmern.

Was ich in dieser Zeit bemerkt habe, ist die Wirksamkeit von Dingen, die ich früher schon mal ausprobiert habe, um mit schwierigen Situationen klarzukommen.

 

Welche sind das? Hast du auch neue Dinge für dich entdeckt?

Zitat auf hellblauem Hintergrund Neuro-Feedback, Bedürfnisse ansprechen, konkrekte Aufgaben und Pausenzeiten planen … und das oft beschriebene Spazierengehen

Ich habe gute Erfahrungen mit Neuro-Feedback** gemacht. Was ich damals trainiert habe, kann ich mir immer wieder auf den Schirm holen, sodass Prozesse im Unterbewussten ablaufen, die meinem Gehirn helfen nur dort aktiv zu sein, wo es auch aktiv sein soll. Auch wenn ich nicht hundertprozentig weiß, ob das gerade hilft. Aber ich bin dran.

Vor einigen Jahren habe ich für einen längeren Zeitraum an einer Übungsgruppe für Gewaltfreie Kommunikation teilgenommen. Dort habe ich gelernt, meine Bedürfnisse zu kommunizieren, und zwar in einer Weise, die die anderen dazu einlädt, darauf einzugehen. Dann frage ich: Was ist jetzt gerade ein Bedürfnis? Wer kann mir bei der Umsetzung helfen? Das kann eine Verabredung zu einem längeren Telefonat sein oder das Erinnern an einen versprochenen Gefallen.

Was mir auch ein gutes Gefühl gibt: Wenn ich mir für den Tag konkrete Aufgaben vornehme, aber auch bewusste Pausenzeiten. So habe ich mal alle meine Papierordner und meinen Kleiderschrank entmistet. Sachen auszusortieren ist für mich eine sinnvolle Aufgabe und sie hinterlässt zudem das Gefühl, mich von Ballast befreit zu haben.

Neu entdeckt habe ich tatsächlich das oft beschriebene Spazierengehen. Das klingt zunächst ein bisschen langweilig. Aber man kann ja auf ganz verschiedene Arten spazieren gehen: Ich habe jetzt erst wahrgenommen, von welch toller Bausubstanz ich umgeben bin – sowas nährt die Seele! Manchmal verabrede ich mich zum Telefonieren während des Gehens. Oder ich leihe mir aus der Stadtbibliothek Hörbücher aus, allerdings nicht vor Ort, sondern über die App Onleihe.

Ich habe mich ehrenamtlich auf anderen Gebieten betätigt, als das bislang der Fall gewesen ist. Da gab es eine Möglichkeit, unseren Netzwerkpartner Stiftung Depressionshilfe zu unterstützen. Unter diesen Corona-Bedingungen zu helfen, gab mir ein gutes Gefühl. Ebenso konnte ich sofort einen Vorher-Nachher-Effekt sehen bei Freunden mit Kindern im Homeoffice, für die ich schlicht und einfach Hausarbeiten erledigt habe.

Was ich zu schätzen gelernt habe und was mich persönlich weitergebracht hat, ist die Nutzung von digitalen Medien und Anwendungen wie Teams für die ehrenamtliche Arbeit. Wenn es live möglich ist, schaue ich mir die Gruppe im Theater Adolf Südknecht sehr gern an. Und dann: gestern Abend über YouTube! Sowas habe ich früher nie gemacht – es geht in Teilen also auch Zuhause.

 

Du sprichst als Betroffene regelmäßig mit anderen Betroffenen in der Peer-Beratung am Gutshof Stötteritz. Haben sich die Gespräche während des letzten Jahres verändert?

Zitat auf hellblauem Hintergrund: „Viel aus den Zeiten, die ich durchgemacht habe und die nicht so 
schön waren, kann ich benutzen, um anderen Mut zu machen.“

Wenn Menschen vor Corona in die Peer-Beratung kamen, hatte ich Angebote, die ich ihnen unterbreiten konnte. Vieles davon geht aber momentan nicht und so greife ich tatsächlich auf meine persönlichen individuellen Bewältigungsstrategien zurück. Nicht jede passt für jeden, aber ich kann zum Beispiel vom Neuro-Feedback erzählen oder auch vom Spazierengehen oder von der Arbeit im Ehrenamt.

Ich war noch nie so zufrieden mit einer beruflichen Tätigkeit, wie ich das im Moment bin, weil ich ganz viel aus den Zeiten, die ich durchgemacht habe und die nicht so schön waren, benutzen kann, um anderen Mut zu machen oder auch ein bisschen Erleichterung zu verschaffen.

 

Magst du es wagen zu überlegen, wie du in fünf Jahren rückwirkend auf diese Zeit schauen wirst?

Bei mir ganz persönlich läuft alles, was nicht eine stationär behandlungsbedürftige depressive Episode ist, unter „liebevoller Einladung meines Lebens, weiterzuwachsen“. Natürlich gibt es zwischendurch Phasen – ich bin ja nicht der Sonnenschein und perfekt im Bewältigen von Krisen –, aber ich habe gelernt, mir wirklich immer positive Seiten auf den Schirm zu holen, um die negativen so gut wie möglich zu meistern. Also ja, ich kann gerade nicht ins Theater, ich kann Freunde nicht treffen, ich habe keine körperlichen Kontakte, aber was habe ich denn stattdessen oder was habe ich denn trotzdem? Wie man so schön sagt, das ressourcenorientierte Herangehen an die Bewältigung von Krisen, anstatt zu gucken, was gerade nicht geht.
Insofern könnte ein Rückblick sein: Corona war nicht vergnügungssteuerpflichtig, aber meine individuellen Umstände waren sehr komfortabel im Vergleich zu anderen. Ich habe das Beste draus gemacht. Und wenn wieder eine Krise kommt, kann ich aus diesem Erfahrungsschatz schöpfen. Und wenn es am Ende nur ist, auf der Habenseite wieder eine Krise relativ unbeschadet überstanden zu haben – und das stärkt ja auch irgendwie.

 

Welche Tipps hast du für Betroffene und Nichtbetroffene, um gut #durchdenwinter zu kommen – neben dem Planen, Lernen und bewussten positiven Verstärken?

Zitat auf einem himmelblauen Hintergrund „Nährt eure Seele! … und auch den Körper!“

Nährt eure Seele! … und auch den Körper! Früher dachte ich eher daran: „Was kann ich anderen Gutes tun und habe selbst etwas davon?“ In diesem Winter ist es eher ein bewusstes „Was kann ich mir Gutes tun? Was koche ich für mich, was habe ich vielleicht noch nie gekocht?“ Ich habe letztens zum ersten Mal in meinem Leben Soljanka gekocht. Und sie ist verdammt lecker geworden.

 

Vielen Dank für das Interview mit diesem genussvollen Abschluss!

 

* Bei der Beratung durch eine „Peer“, also eine gleichrangige Person, sprechen Betroffene auf Augenhöhe miteinander. Christine berät beim Gutshof Stötteritz, mehr Infos hier.

** Beim Neurofeedback werden Gehirnstromkurven in Echtzeit analysiert. Ziel ist es hierbei, die Gehirnaktivität zu messen und zu verbessern. Bei der sanften Therapieform kann man lernen, Hirnströme bewusst zu kontrollieren.

Das Leipziger Bündnis gegen Depression e.V. dankt ...

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