Heute stelle ich die Fragen an eine, die unsere Interviewreihe #durchdenwinter mitgestaltet und Expertin in eigener Sache als Angehörige und Betroffene ist. Teil 2 folgt in zwei Wochen, wenn ich ihre Fragen beantworten werde. 

Wie geht es dir mit der derzeitigen Situation?

Dieser Winter ist ein besonderer, auch weil ich noch nie schon so oft an den nächsten gedacht habe. Ich mache mir Sorgen um die Gesundheit meiner Familie und Freunde, aber auch um meine eigene. Manchmal fühle ich mich frustriert und hilflos, weil die Tage sehr gleich, dennoch voll und anstrengend sind. Manchmal fehlt mir die Kraft, mehr als das Durchhalten zu schaffen, mehr aus dem zu machen, was wir haben.

Denn gleichzeitig bin ich ja auch dankbar, denn es geht uns relativ gut: Meine Familie lebt in einer Hausgemeinschaft, die uns schon letztes Jahr in der Isolation geholfen hat (bei der Kinderbetreuung und der Alltagsgestaltung, beim Milchborgen und Austausch im Hinterhof).

 

Woraus ziehst du Kraft?

Ich ziehe Kraft aus der Zuversicht, dass es vorbeigehen wird – dieser Zustand Zuhause mit der Familie und der Arbeit und der andauernd vollen Spülmaschine und den Großeltern in Krankenhaus und Pflegeheim. Und die Erkenntnis, dass das hier alles gerade nichts Gewöhnliches ist, das man nach ein paar Wochen weggesteckt haben muss, hilft mir.

Ich leide darunter, mich nicht so verbunden zu fühlen wie sonst, aber ich habe verstanden, dass es mich zu viel Kraft kostet, mit der Nicht-Geschafft-/Nicht-Kontaktiert-Liste zu hadern. An diesem Loslassen arbeite ich wohl jeden Tag.

 

Welche positiven Aktivitäten helfen dir #durchdenwinter?

Wenn es um Veränderungen geht, weiß ich inzwischen, dass mich das triggern kann. Daher habe ich mich ziemlich am Anfang der Pandemie aktiv um unterstützende Maßnahmen gekümmert.

Dazu gehört die Strukturierung des Tages mit Kinderbetreuung, halbwegs festen Arbeits- und Essenszeiten. Stabilisierend wirkt beispielsweise auf mich, wenn klar ist, wer am nächsten Tag was kocht.

Ich nehme mir jeden Morgen Zeit, um Yoga zu machen, manchmal fünf, manchmal 20 Minuten, gefolgt von einer winzigen Dankbarkeitsübung.

Zudem habe ich das kostenfreie Online-Trainingsprogramm von hellobetter „Corona – Stark durch die Krise“ begonnen. Da ich schon mehrere leichtere depressive Episoden in meinem Leben erlebt habe, kenne ich meine Warnsignale und habe mich entschlossen, diese Hilfe auszuprobieren. Ich bin sehr zufrieden damit, denn dort geht es um den Umgang mit Ängsten, Stress und Depression.

Mein Mann und ich kochen seit einiger Zeit jeden Sonntagabend zusammen für die fünf Mittagessen der kommenden Woche vor. Das entlastet unheimlich. Ich war erstaunt, welchen Effekt das für uns hatte (verlässliche Essenszeit, gemeinsam etwas machen, gesund essen, fertige Einkaufsliste). Der Rest des Tages folgt den Kindern, dem Wetter, den Meetings, dem eigenen Krafthaushalt – und das ist OK.

Auch das Gehirn kriegt immer mal neues Futter: Das Schreiben für diese Interviewreihe, Videoschnitt am Tablet oder Brotbacken sind unter den Top Drei meiner Lernliste.

 

Was hast du im Laufe der Pandemie noch gelernt?

Über Prävention, Struktur, Fitbleiben, Lernen – alles Dinge, an denen man kaum vorbeikommt, sobald man sich mit seelischer Gesundheit beschäftigt – habe ich in den letzten Monaten anders nachgedacht.

Beispielsweise das Seriegucken-beim-Wäschelegen gegen das spätsonntägliche Kochen zu tauschen, klingt auf dem Papier zunächst löblich – und spießig-unrealistisch! Ist in der Umsetzung viel schwieriger, als es sich liest, aber lohnt sich für uns. Na gut – der Wäscheberg wächst ...

Aus dem Arbeitskontext nehme ich mit, dass jede Begegnung, jedes Gespräch, jede Nachricht eine kleine Veränderung oder zumindest einen kleinen Trost beim anderen bewirken kann. Und dass das Wirken im Kleinen auch zählt.

 

Worauf freust du dich in der Zukunft?

Ich gebe zu, je weiter ich den Kreis um mich fasse, desto weniger Hoffnungsschimmer scheinen durchzukommen. Ich beschäftige mich deshalb nicht mit „wohin wir zurückkehren“. Also sagen wir’s vielleicht so: Ich freue mich auf die Freuden im Kleinen – vor allem Familienbesuche – und hoffe auf eine Besserung im Großen. Ich freue mich darauf, das Gefühl des Aushaltens und Wartens nicht mehr aushalten zu müssen.

 

Danke schön! Ich freue mich auf in zwei Wochen, wenn du mich befragst!

Das Leipziger Bündnis gegen Depression e.V. dankt ...

...dem Verband der gesetzlichen Krankenkassen und dem Verband der Ersatzkassen im Freistaat Sachsen, sowie ...

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