Titelbild Interview 5

Heute spreche ich mit C. Er ist bei uns im Leipziger Bündnis ehrenamtlich tätig und spricht mit mir über den Winter – und darüber, wie hilfreich körperliche Bewegung sein kann. Meine erste Frage an C. ist, ob er selbst von Depressionen betroffen ist. 

Ja, unter anderem. Ich kenne auch Menschen, bei denen eine Depression diagnostiziert wurde, und auch solche, die sich gegen die Diagnose wehren.

 

Wie ergeht es dir in der momentanen Situation?

Erstaunlicherweise ganz gut. Mir scheint sogar, dass es mir mit meinen Erkrankungen und Thematiken teilweise besser geht als augenscheinlich „gesunden Leuten“.

 

Was glaubst du, woran das liegt?

Durch meine Therapieerfahrungen weiß ich schon, wie ich damit umgehen kann, ich bin gewissermaßen vorbereitet. Dadurch empfinde ich die Einschränkungen als weniger schlimm und kann weiterhin Sachen wertschätzen. Natürlich gibt es auch vieles, das mich nervt: was erlaubt ist, wie das kommuniziert wird und so weiter.

Zitat auf hellblauem Hintergrund „Ich versuche mich darauf zu konzentrieren, was ich tatsächlich und konkret in einer Situation ausrichten kann.“

Es hat mir im letzten Jahr ganz gut geholfen, gelassen mit der Situation umzugehen und zu akzeptieren, woran ich etwas ändern kann und woran nicht. Zu erkennen, wo ich nur sinnlos Energie verpulvere, wenn ich mich weiter darüber aufrege. Ich versuche mich darauf zu konzentrieren, was ich tatsächlich und konkret in einer Situation ausrichten kann.

 

Welche Aktivitäten helfen dir gerade jetzt?

Auf jeden Fall die Zeit mit den Kindern. Dadurch habe ich die Möglichkeit, Lehrer zu spielen. Das hilft mir, um zu erkennen, wie es den Kindern mit all dem geht, was ich eigentlich so draufhabe und was ich bewirken kann.

Mir hilft auch Sport und Bewegung – Aktivität in jeglicher Form, egal ob allein oder über die Laufgruppe. Und dadurch bin ich auch im Austausch mit Anderen.

Zudem bin ich momentan sowohl in Einzeltherapie als auch in Gruppentherapie. Dadurch habe ich zum Glück auch Kontakt zu Anderen. Die Leute haben ähnliche Problematiken und Thematiken wie ich. Dabei hilft es mir einerseits ungemein, meine Themen mit den Leuten zu teilen und zu spüren, dass ich nicht allein damit bin. Was mir auch viel gibt, ist der Input der Anderen. Weil sie auf bestimmte Situationen ganz anders schauen und sie anders handeln als ich. So bekomme ich Ideen und Anregungen, was ich ausprobieren kann.

Zitat auf hellblauem Hintergrund „Im Grunde geht es um das Aktivsein – aktiv mit meinen Problemen umzugehen.“

Im Grunde geht es um das Aktivsein – aktiv mit meinen Problemen umzugehen. Es gibt viele Punkte, da sage ich: „Das war jetzt noch nicht so das Gelbe vom Ei, das hat noch nicht gepasst.“ Dadurch weiß ich zumindest, was nicht funktioniert und wo ich weiterschauen muss. Und das bringt mich weiter.

 

Findet die Gruppentherapie gerade online statt?

Nein, da bin ich echt froh, sie findet mit Abstand und Maske und viel Lüften statt. Die Einzeltherapie läuft über Videotelefonate, aber das ist soweit okay.

 

Es ist für dich und andere natürlich sehr wichtig, dass Therapie weiter sattfindet

Das ist auch das, was mir besonders hilft. Gerade was Depressionen – und bei mir auch Traumata – betrifft. Dabei merke ich, wie extrem wichtig es für mich ist, nicht nur über’s Denken und Reden ranzukommen, sondern über die körperliche Seite: in die Gefühle kommen, Körpergefühle wahrnehmen, denn die sind ja teilweise im Körpergedächtnis verankert. Ich habe schon ziemlich zu Beginn gemerkt, dass ich nicht nur durch die Verhaltenstherapie oder tiefenpsychologische Therapie daran komme. Um zu verstehen, sind diese beiden Formen super gut. Aber bestimmte Fortschritte kann ich nur über die Körperarbeit erzielen.

 

Das klingt spannend. Körperarbeit und aktive Selbsthilfe können sich ebenfalls ergänzen, so wie bei der Laufgruppe des Leipziger Bündnis gegen Depression, bei der du Mitglied bist. Was kannst du mir denn zur Laufgruppe erzählen?

Zitat auf hellblauem Hintergrund „Mir gefällt das Reden während des Laufens. Dann sind mein Körper und mein Gehirn so aktiviert, dass ich gar nicht in diese Grübelschleifen kommen kann.“

Durch die Laufgruppe habe ich die Möglichkeit, viele neue interessante Leute kennenzulernen und tolle Verbindungen aufzubauen, auch Freundschaften über die Gruppe hinaus. Man trifft sich, tauscht sich aus, läuft zu zweit. Es ist eine super Möglichkeit, aktiv zu bleiben oder zu werden. In der Gruppe ist die Motivation ganz anders, als wenn ich das nur für mich mache. Es gibt eine Verbindlichkeit in der Gemeinschaft, die entsteht. Gerade bei diesem Wetter raffe ich mich dann doch eher mal auf, auch wenn ich allein vielleicht keine Lust gehabt hätte. Hinterher merke ich oft, dass es gut war loszulaufen. Es ist ähnlich wie in der Gruppentherapie: Einerseits hilft es, die Themen zu teilen – und sie damit auch ein Stück loszulassen. Andererseits erhält man von den Anderen einen weiteren Blick auf das Eigene.

Mir gefällt das Reden während des Laufens. Dann sind mein Körper und mein Gehirn so aktiviert, dass ich gar nicht in diese Grübelschleifen kommen kann. So kann ich konstruktiver mit Problemen umgehen, als wenn ich mich irgendwo hinsetze und rede.

 

Macht ihr im Winter auch keine Pause?

Nö.

 

Cool! Bei Schnee und Eis und immer?

Am letzten super verschneiten und stürmischen Sonntag haben wir uns zum Sport machen am Völkerschlachtdenkmal getroffen. Es war nicht ganz so gemütlich wie im Studio, aber es hat trotzdem richtig Spaß gemacht.

 

Was würdest du anderen Betroffenen raten, um gut #durchdenwinter zu kommen?

Zitat auf hellblauem Hintergrund „Das ist natürlich am Anfang sehr gewöhnungsbedürftig … Aber es lohnt sich. Es wird Stück für Stück einfacher.“

Also, wenn ich mir die Winterlandschaft hier draußen anschaue … Was hilft, ist Gelassenheit und Akzeptanz. Sowohl die Corona-Situation als auch den Winter so anzunehmen, wie sie sind. Auch wichtig ist es, die eigenen Ansprüche etwas herunterzufahren. Ich habe gemerkt, dass viel Stress und (Versagens-)Angst durch Perfektionismus entstehen, wodurch ich dann viele Sachen verkrampft angehe. Ich versuche mich lieber zu fragen, was gerade essentiell für meinen Alltag ist: meine Tage nicht zu voll zu packen, Pufferzeit zu haben, zum Beispiel wenn ich doppelt so lange brauche, um zu meinem Therapietermin zu kommen wegen des Schnees. Daher würde ich raten, den Anspruch zu vermeiden, dass alles „wie sonst auch“ funktionieren muss. Somit kann man auch vermeiden, in diese blöde Abwärtsspirale reinzurutschen. Das ist natürlich am Anfang sehr gewöhnungsbedürftig, denn man muss sich ja doch zunächst auf sich selbst und auf die aktuellen Bedürfnisse konzentrieren. Aber es lohnt sich. Es wird Stück für Stück einfacher.

 

Das ist doch ein schönes Schlusswort. Ich danke dir.

Gern.

 

 


 

Das Leipziger Bündnis gegen Depression e.V. dankt ...

...dem Verband der gesetzlichen Krankenkassen und dem Verband der Ersatzkassen im Freistaat Sachsen, sowie ...