"Morgen ist leider auch noch ein Tag" von Tobi Katze
Ein Neuzugang in unserer Bibliothek
Krankheit ist mehr als eine Diagnose. Oft verändert sie Alltag, Beziehungen, manchmal das Selbstbild. Auch das Schreiben kann dazugehören: In den letzten Jahrzehnten sind zunehmend Bücher erschienen, in denen Menschen über ihre Erfahrungen mit der eigenen Krankheit geschrieben haben. Einige dieser Bücher fanden großen öffentlichen Anklang – wie Thomas Melles Die Welt im Rücken über seine bipolare Störung (das in der Bibliothek des Leipziger Bündnisses gegen Depression e. V. ausgeliehen werden kann) oder Wolfgang Herrndorfs Arbeit und Struktur über sein Leben mit einem Glioblastom. In Medizin und Literaturwissenschaft werden solche Selbstzeugnisse häufig als ‚Autopathographien‘ bezeichnet: Texte, in denen Betroffene ihre Erkrankung nicht einfach nur dokumentieren, sondern sie erzählend verarbeiten.
Auch Tobi Katzes Morgen ist leider auch noch ein Tag gehört zu diesen Texten. In seinem Buch spricht er über seine Erfahrungen mit Depression: darüber, wie sie sein Alltagsleben beeinflusst, seine zwischenmenschlichen Kontakte, sogar seine Sprache. Anlässlich seiner Lesung vom 06.05.2026 in der PHILIPPUS Leipzig möchte ich einen genaueren Blick auf dieses Buch werfen – und darauf, warum es sich für Leser*innen lohnen kann, es in der Bibliothek des Leipziger Bündnisses gegen Depression e. V. einmal auszuleihen.
Tobi Katze (*1981 in Hamm) ist Autor und Bühnenkünstler. Seit 2007 schreibt er unter anderem Kurzgeschichten und Gedichte und tritt regelmäßig bei Poetry Slams auf. Für stern.de schrieb er über zwei Jahre lang einen Online-Blog über seinen Alltag mit Depression und den Umgang mit der Erkrankung. Später entstand daraus das Buch Morgen ist leider auch noch ein Tag, das 2015 im Rowohlt Verlag erschienen ist.
Das Buch selbst entzieht sich einer klaren Einordnung; es ist weder Ratgeber noch klassischer Roman. Vielmehr erzählt Katze aus Sicht eines Betroffenen von seiner Erkrankung und davon, wie ein Leben mit Depression aussehen kann. Er berichtet von Tagen im Bett, von Partys und Alkoholexzessen – und vom Schreiben als Versuch, der Depression zumindest sprachlich etwas entgegenzusetzen. Im Vordergrund steht jedoch, wie die Krankheit allmählich in sein Leben eindringt: wie sie ihn lähmt, ihn immer mehr in den sozialen Rückzug drängt und ihn schließlich dazu bringt, sich Hilfe zu suchen – zuerst beim Hausarzt, später dann beim Psychotherapeuten.
Die Kapitel folgen dabei keiner streng chronologischen Abfolge. Es handelt sich eher um einzelne Episoden, in denen Katze häufig von absurd anmutenden Situationen schreibt. Zum Beispiel, wenn er nach einer Therapiestunde vor der Praxis zufällig auf eine Freundin trifft und sich plötzlich in akuter Erklärungsnot befindet. Oder wenn er vor seinem Psychotherapeuten sein ‚Outing‘ als depressiv Erkrankter einübt – oder anfängt, mit seinem ungewaschenen Wäschehaufen Selbstgespräche zu führen. Besonders an solchen Szenen zeigt sich, wie Katze mit Humor eine Sprache für die eigene Krankheit sucht.
In all der Komik verliert Katze jedoch nie den Sinn für den Ernst der Erkrankung. Immer wieder beschreibt er Alltagssituationen, die Betroffene nur zu gut kennen dürften: nicht mehr aufräumen können, nicht mehr kochen, nicht mehr ans Telefon gehen, während nach außen weiter ein normales Leben vorgespielt wird. Am eindringlichsten empfand ich die Schilderung, wie Katze seiner Familie von seiner Depression erzählt – und wie diese die Neuigkeit aufnimmt: mit Betretenheit, Klischees, Phrasen, Unbeholfenheit. Man sei ja selbst manchmal traurig, und eine „richtige“ Krankheit sei das auch nicht. Gerade hier zeigt sich für mich die ganze Stärke des Buches: Die Szene macht sichtbar, wie schwer es Betroffene oftmals noch haben, von ihrem Umfeld ernst genommen zu werden. Zugleich zeigt sie, wie schambesetzt das Sprechen über Depression sein kann – und warum es trotzdem wichtig ist, nicht darüber zu schweigen. Sich anderen anzuvertrauen, sich selbst und die eigene Erkrankung ernst zu nehmen und Geduld mit sich zu haben, erscheint im Buch nicht als schnelle Lösung, sondern als notwendiger Schritt zu mehr Selbstakzeptanz.
Aus meiner Sicht ist Morgen ist leider auch noch ein Tag alles in allem eine sehr empfehlenswerte Lektüre. Tobi Katze gelingt in seinem Buch eine schwierige Balance: Er verbindet Komik mit Ernst, ohne die Depression ins Lächerliche zu ziehen. Im Gegenteil: Gerade sein Humor macht die emotionale Schwere mancher Schilderungen erst deutlich. Morgen ist leider auch noch ein Tag sollte man dabei nicht als Fach- oder Sachbuch über Depression lesen, sondern als durchdachten, ironisch-sarkastischen und dadurch oft schmerzhaft treffenden Erfahrungsbericht. Betroffene können sich in vielen Schilderungen Katzes wiedererkennen, während Angehörige und Interessierte einen Einblick in eine Krankheit gewinnen, die von außen meist nur schwer zu erfassen ist.
André Sömisch
Das Leipziger Bündnis gegen Depression e.V. dankt …
… dem Verband der gesetzlichen Krankenkassen und dem Verband der Ersatzkassen im Freistaat Sachsen, sowie …